Im Alter von 15 Jahren setzte sich der Münchner Computerwissenschaftler Jürgen Schmidhuber das Ziel, eine künstliche Intelligenz (KI) zu erschaffen, die sich selbst verbessern und intelligenter als er selbst werden könnte, damit er sich in den Ruhestand zurückziehen könne. Dies konnte er nicht umsetzen, doch Schmidhuber erreichte immense Erfolge im Bereich KI und Deep Learning. In seiner Laborarbeit entwickelte er neuronale Netze wie das Long Short-Term Memory (LSTM), das die Technologiebranche revolutionierte. Mehr über die Karriere des Wissenschaftlers erfahren Sie auf munich1.one.
Bildung
Schmidhuber wurde am 17. Januar 1963 in München geboren. 1987 schloss er sein Informatikstudium an der Technischen Universität München ab und promovierte 1991 ebenfalls dort. Seine Dissertation widmete er sich selbstverbessernden Maschinen, die mithilfe eines vom Menschen entwickelten Algorithmus lernen und diesen Algorithmus dann eigenständig optimieren.
Wichtigste Errungenschaften
Schmidhuber ist vor allem bekannt für seinen Beitrag zur Entwicklung rekurrenter neuronaler Netze (RNN), einem leistungsstarken Typ künstlicher neuronaler Netzwerke, das sequentielle Daten wie Handschrift oder gesprochene Sprache verarbeiten kann.
1990 präsentierte er unkontrollierte generative kontradiktorische Netzwerke, die in einem Nullsummenspiel gegeneinander antreten, das er als „künstliche Neugier“ bezeichnete. Ein Jahr später stellte er die „neuronalen schnellen Programmierer“ vor, die später entwickelten Transformern mit linearisierter Selbstaufmerksamkeit ähneln. Solche Transformer treiben heute den berühmten Chatbot ChatGPT an.
2000 stellte Schmidhuber gemeinsam mit vier Schülern die Architektur und Lernalgorithmen für das LSTM-Netzwerk vor, das bei der Verarbeitung natürlicher Sprache, Texterkennung, Videospielen und Robotik eingesetzt wird. LSTM wurde das meistzitierte neuronale Netzwerk des 20. Jahrhunderts.

2017 führte Facebook täglich etwa 4,5 Milliarden automatische Übersetzungen mithilfe von LSTM durch. Bloomberg nannte LSTM das bedeutendste kommerzielle KI-Produkt, das für Zwecke wie Krankheitsvorhersage oder Musikproduktion genutzt wird.
Schmidhubers Deep Learners erzielten in der visuellen Klassifikation große Erfolge und gewannen neun internationale Wettbewerbe für maschinelles Lernen und Mustererkennung. 2011 gewannen sie als Erste offizielle Wettbewerbe für Computer Vision mit übermenschlicher Leistung. 2012 entwickelte Schmidhubers Team ein neuronales Netzwerk zur Erkennung von Krebs anhand von Bildern. Seine Gruppe arbeitete auch an Metalehre und rekursiver Selbstverbesserung.
Bis 2017 wurden Schmidhubers Deep-Learning-Netzwerke auf etwa drei Milliarden Geräten genutzt und täglich milliardenfach eingesetzt. Sie verbessern unter anderem die Spracherkennung auf Android-Geräten, maschinelle Übersetzungen von Google Translate, Facebook und Siri sowie Amazon Alexa.
„Vater der modernen KI“
Journalisten bezeichnen Schmidhuber oft als „Vater der modernen KI“, da viele neuronale Netze auf seiner Laborarbeit basieren. Schmidhuber gründete und leitete die Firma NNAISENSE, die eine praktische allgemeine KI entwickelt. Er beriet auch Regierungen zu KI-Strategien.

Mit der wachsenden Sorge um die Auswirkungen fortgeschrittener KI wuchs auch die Angst vor unkontrollierbaren Risiken. Schmidhuber bleibt optimistisch und erklärte oft, dass viele Kritiker von KI lediglich Medienaufmerksamkeit suchen und dabei die wertvollen Möglichkeiten der KI übersehen, wie die Früherkennung von Diabetes oder Krebs.
Er betonte, dass „95 % der KI-Forschung darauf abzielt, das menschliche Leben länger, gesünder und einfacher zu machen“. Schmidhuber sieht keine existenzielle Bedrohung durch KI und hält Atomwaffen, die innerhalb von zwei Stunden die Menschheit auslöschen könnten, für viel gefährlicher.

Schmidhuber unterscheidet zwischen zwei KI-Typen: KI-Werkzeuge, die von Menschen gesteuert werden, und selbstgesteuerte KI, die eigene Experimente entwickelt. Er sieht die menschliche Zivilisation als Teil eines größeren evolutionären Plans und betrachtet KI als einen Schritt hin zu einer unvorstellbaren Komplexität des Universums.
Professorentätigkeit
Von 2009 bis 2021 war Schmidhuber Professor für künstliche Intelligenz an der Universität Lugano in der Schweiz und wurde 2021 Adjunct Professor im Fachbereich Informatik derselben Universität. Er ist Autor von über 300 begutachteten Artikeln.
Schmidhuber leitet zudem die KI-Initiative und ist Professor für Informatik an der King Abdullah University of Science and Technology in Saudi-Arabien, die Programme in Natur-, Computer- und Physikwissenschaften anbietet.

Zu Schmidhubers Aufgaben gehören die strategische Planung der KI-Initiative, das Anwerben neuer Lehrkräfte, die Entwicklung von Lehrplänen und die Zusammenarbeit mit öffentlichen und privaten Sektoren. Die Initiative konzentriert sich auf KI-Anwendungen in Gesundheitswesen, Arzneimitteldesign, Chemie, Materialwissenschaften, Sprachverarbeitung, Naturwissenschaften, Automatisierung und Robotik.
Anerkennung
Im Laufe seiner Karriere erhielt Schmidhuber zahlreiche Auszeichnungen für seine Pionierarbeit. 2009 wurde er Mitglied der Europäischen Akademie der Wissenschaften und Künste. 2013 wurde ihm die Helmholtz-Medaille für herausragende wissenschaftliche Leistungen verliehen. 2016 erhielt er den IEEE Neural Network Pioneer Award für seine Beiträge zum Deep Learning und zu neuronalen Netzen.
Trotz zahlreicher Ehrungen beklagte Schmidhuber, dass ihm und seinen Kollegen oft die angemessene Anerkennung für ihre Beiträge zum Deep Learning verweigert wurde.
