Bildung in München während des Zweiten Weltkriegs

Wenn wir über München in den Jahren des Zweiten Weltkriegs sprechen, denken wir normalerweise an die Bombardierungen, die Rüstungsbetriebe oder den Widerstand gegen Hitler. Doch das Bildungswesen in dieser Zeit ist ein weniger bekanntes, aber ebenso wichtiges Thema. Wie lernten die Kinder, während um sie herum Bomben fielen? Was wurde den Jugendlichen beigebracht, die wenige Jahre später an der Front stehen sollten? Und wie fühlten sich die Studenten, die verstanden, dass ihre universitäre Ausbildung nicht dem freien Denken, sondern dem Dienst am Regime galt? Mehr dazu auf munich1.one.

Das Bildungsleben in München von 1939 bis 1945 war eng mit dem nationalsozialistischen System verwoben. Schulen und Hochschulen wurden zu einem Teil der ideologischen Maschinerie, in der jede Unterrichtsstunde die „richtige“ Weltanschauung festigen sollte. Gleichzeitig gab es in diesen Mauern aber auch Kinder, Lehrer und Dozenten, die täglich eine schwierige Wahl treffen mussten: sich fügen, schweigen oder – zumindest im Kleinen – Widerstand leisten. In diesem Artikel erzählen wir, wie genau das Bildungswesen in München während des Krieges aussah.

Die nationalsozialistische Kontrolle über das Bildungswesen

Während des Zweiten Weltkriegs wurde das Bildungswesen in München, wie in ganz NS-Deutschland, zu einem Instrument der Propaganda. Das Lernen diente nicht mehr der Entwicklung des Denkens oder dem Erwerb von Wissen, denn die Aufgabe bestand darin, „richtige“ Bürger des Dritten Reiches zu formen. In den Klassenzimmern ging es weniger um Mathematik oder Literatur als vielmehr um die Ideen der rassischen Überlegenheit und der Treue zum Führer. Schülern wurde von klein auf die nationalsozialistische Rassentheorie nahegebracht; sie lernten, wer zur „Herrenrasse“ gehörte und wer sozusagen „minderwertig“ war. Und das ist keine Metapher – in den Biologielehrbüchern gab es Schaubilder, die angeblich beweisen sollten, dass Arier anderen überlegen seien, und im Geschichtsunterricht wurden die „Helden des Reiches“ und Hitler selbst verherrlicht.

Gleichzeitig wurden Lehrer, die den nationalsozialistischen Anforderungen nicht entsprachen, aus den Schulen entfernt. Jüdische Lehrer wurden als Erste entlassen, noch vor Kriegsbeginn. Ihnen folgten diejenigen, die linke Überzeugungen hatten oder einfach nicht genügend Loyalität zum Regime zeigten. Nur „zuverlässige“ Personen durften die Kinder unterrichten – diejenigen, die selbst nationalsozialistische Schulungen durchlaufen hatten und bereit waren, die staatliche Ideologie zu verbreiten. Doch die Schule war nur ein Teil der allgemeinen „Erziehung“. Eine wesentliche Rolle im Leben der Jugendlichen spielten außerschulische Organisationen. Fast jedes Kind trat der Hitlerjugend (für Jungen) oder dem Bund Deutscher Mädel bei. Die Mitgliedschaft war quasi verpflichtend: Wer nicht beitrat, war oft Druck oder Ausgrenzung ausgesetzt. Und in diesen Strukturen wurde keineswegs Musik oder Handwerk gelehrt – die Kinder wurden auf den Krieg vorbereitet. Die Jungen auf die Armee und die Mädchen auf ihre zukünftige Rolle als Mütter.

Angst und Mobilisierung

Die Mobilisierung betraf nicht nur erwachsene Männer. Mit Beginn der aktiven Kampfhandlungen wurden viele Lehrer zur Armee einberufen. Die Bildungseinrichtungen litten unter Personalmangel, weshalb oft mehrere Klassen zu einer zusammengelegt wurden, unabhängig vom Leistungsniveau oder Alter der Kinder. Gelernt wurde nicht in Komfort, sondern im Überlebensmodus: in überfüllten Klassenräumen, ohne Licht, mit einer begrenzten Anzahl an Büchern und in ständiger Angst. Einige Schulgebäude in München wurden bei Luftangriffen beschädigt oder vollständig zerstört. Der Unterricht wurde dann in Keller verlegt oder fiel ganz aus. Um die Schüler in Sicherheit zu bringen, organisierten die Behörden Evakuierungen in ländliche Gebiete im Rahmen der sogenannten Kinderlandverschickung. Doch diese „Sicherheit“ hatte ihren Preis. Die Kinder verließen ihr Zuhause und ihre Eltern, fanden sich unter Fremden in einer neuen Umgebung wieder, manchmal für Monate. Manche kehrten zurück, andere nicht.

Aber das Schlimmste lag nicht in den Ruinen oder der Not, sondern darin, wie sich das Bild des Kindes selbst veränderte. Anstelle von Schülern gab es „kleine Soldaten“. In der Schule wurde nicht mehr nur gelesen und geschrieben, sondern es wurden Netze geknüpft, Schrott gesammelt und Vorträge über die militärische Pflicht gehalten. Jugendliche lernten zu schießen, sich im Gelände zu orientieren und mit Granaten umzugehen. All dies war Teil des Lehrplans. Siebzehnjährige konnten eingezogen werden. Einige gingen an die Front, ohne ihre Schulausbildung abgeschlossen zu haben.

So wurde das Bildungswesen in München zu einer weiteren Frontlinie – nicht mit Lehrbüchern, sondern mit Befehlen, nicht mit Unterrichtsstunden, sondern mit dem Kampf ums Überleben. Und das hinterließ nicht nur in den Dokumenten Spuren, sondern auch in den Schicksalen einer ganzen Generation.

Die Universität im Schatten des Totalitarismus

Die Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) in München – eine der ältesten und renommiertesten Hochschulen Deutschlands – verlor in den Jahren der NS-Diktatur ihre akademische Autonomie. Was einst ein Raum des freien Denkens war, wurde zu einer Plattform für ideologische Kontrolle. Die Geschichte der LMU in den 1930er und 40er Jahren ist eine Mischung aus Anpassung, Angst, Schweigen und gelegentlich mutigem Widerstand.

Als die Nationalsozialisten an die Macht kamen, waren die Veränderungen an der Universität schnell spürbar. Ein Teil der Professoren wurde zum Rücktritt gezwungen – insbesondere jene jüdischer Herkunft, die als „politisch unzuverlässig“ galten oder die neue Regierung nicht unterstützten. Die Übrigen blieben, mussten sich aber anpassen. Einige teilten aufrichtig die nationalsozialistischen Überzeugungen. Andere schwiegen, um ihre Stelle zu behalten. Einige Fakultäten – insbesondere in den Geistes- und Sozialwissenschaften – „schrieben“ ihre wissenschaftliche Arbeit einfach entsprechend den Anforderungen des Regimes um. Lehrbücher und Forschungen begannen, der Rassentheorie zu entsprechen, und philosophische oder historische Richtungen wurden auf „richtige“, „arische“ Ideale umorientiert.

Und doch entstand in den Mauern der LMU eines der bekanntesten Beispiele des Widerstands. „Die Weiße Rose“ – so nannte sich eine studentische Untergrundgruppe, die antinazistische Flugblätter verteilte. Die zentralen Figuren waren die Geschwister Hans und Sophie Scholl sowie der Philosophieprofessor Kurt Huber. Ihre Texte riefen zum Widerstand, zur Wahrheit und zur Menschlichkeit auf. 1943 wurden alle Mitglieder verhaftet. Das Urteil: die Todesstrafe. Aber gerade diese kurze Episode hat sich für immer in die Geschichte der Universität eingeschrieben, als Beweis dafür, dass es selbst in den dunkelsten Zeiten unter Studenten und Dozenten jene gab, die sich selbst treu blieben.

Heute gibt es an der LMU Gedenkstätten, die der „Weißen Rose“ gewidmet sind. Und obwohl die Universität damals unter dem Druck des Totalitarismus leben musste, bleibt die Erinnerung an den Widerstand als Mahnung, dass es immer eine Wahl gibt.

Was hinterließ der Krieg im Bildungswesen der Stadt?

Nach der Niederlage des Dritten Reiches 1945 stand München, wie der Rest Deutschlands, vor einer schwierigen Frage: Was tun mit einem Bildungssystem, das fast zehn Jahre lang als Propagandainstrument gedient hatte? Schulen und Universitäten waren durch die Bombardierungen physisch, aber auch moralisch stark beschädigt. Die Nachkriegsgeneration blickte misstrauisch auf Lehrer, die noch gestern die „arische Überlegenheit“ und den Führerkult gelehrt hatten.

Der erste Schritt war die Entnazifizierung – ein umfassender Prozess der Säuberung von Bildungseinrichtungen von denjenigen, die den Nationalsozialismus aktiv unterstützt hatten. Ein Teil der Lehrer wurde entlassen, und neue wurden unter denen gesucht, die nicht mit dem Regime verbunden waren oder darunter gelitten hatten. Dieser Prozess war komplex und umstritten: Es war nicht immer möglich, klar zu bestimmen, wer schuldig war und wer nur geschwiegen hatte. Aber anders war es nicht möglich.

Gleichzeitig mit der Säuberung begann der physische Wiederaufbau. München war schwer zerstört, und viele Schulgebäude mussten von Grund auf neu errichtet werden. Die Universitäten – insbesondere die LMU – kehrten allmählich zum akademischen Leben zurück, jedoch mit anderen Prioritäten. Zunehmend setzte sich die Ansicht durch, dass Bildung kein Mittel zur Unterwerfung sein sollte, sondern ein Raum für Fragen, Zweifel und kritisches Denken. In den 1950er Jahren begannen die ersten Reformen. Die Lehrpläne wurden aktualisiert, ideologische Formeln aus den Lehrbüchern entfernt. Die pädagogischen Ansätze änderten sich: Lehrer wurden nun als Mentoren ausgebildet, nicht als „Agenten des Staates“. Mit der Zeit trug diese Transformation Früchte – in den 60er und 70er Jahren erklang in den Studentenforen Münchens bereits scharfe Kritik an der Regierung sowie neue Ideen von Gleichheit, Pazifismus und europäischer Einheit.

Quellen:

  1. https://www.theholocaustexplained.org/life-in-nazi-occupied-europe/controlling-everyday-life/controlling-education/
  2. https://www.lmu.de/en/about-lmu/lmu-at-a-glance/history/contexts/1942-43-the-white-rose-resistance-group/
  3. https://www.facinghistory.org/resource-library/controlling-universities

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