Marie-Louise von Franz erlangte Berühmtheit als jungianische Psychologin. Die jungianische Analyse hilft dem Menschen, seine wahre Natur zu verstehen und zu sich selbst und allem Ursprünglichen zu finden, das von Geburt an in ihm liegt. Die Wissenschaftlerin ist ebenfalls für ihre psychologischen Interpretationen von Märchen und alchemistischen Schriften bekannt. Sie war eine erstklassige Analytikerin und die engste Mitarbeiterin von Carl Gustav Jung – dem Begründer der Analytischen Psychologie, der die Vorstellung des Unbewussten entscheidend vertiefte und erweiterte. Lesen Sie mehr über den Lebens- und Berufsweg dieser Münchner Wissenschaftlerin auf munich1.one.
Kindheit und Emigration in die Schweiz
Marie-Louise Ida Margareta von Franz wurde am 4. Januar 1915 in München als Tochter eines Offiziers der österreichischen Armee geboren. 1919 zog sie nach dem Ersten Weltkrieg mit ihrer Familie in die Schweiz, wo sie sich nahe St. Gallen niederließen.
Seit 1928 lebte Marie-Louise mit ihrer älteren Schwester in Zürich, wo die Mädchen das Gymnasium mit Schwerpunkt auf Sprache und Literatur besuchten. Drei Jahre später folgte die Familie nach Zürich.
Schon in der Grundschule galt sie als besonders kluge Schülerin. So widersetzte sie sich etwa den Prinzipien des Religionsunterrichts. Einmal ärgerte Marie-Louise einen Geistlichen so sehr, dass er private Nachhilfe verlangte. Am Ende der Stunden verlor er seinen Glauben und verließ das Priesteramt.
Studium und Nachhilfeunterricht
1933 begann von Franz an der Universität Zürich ein Studium der klassischen Philologie und klassischen Sprachen (Latein und Griechisch) mit Nebenfächern in Literatur und antiker Geschichte.

Da ihr Vater Anfang der 1930er Jahre erhebliche finanzielle Einbußen erlitt, musste Marie-Louise das Studium selbst finanzieren, indem sie Latein- und Griechisch-Nachhilfe für Gymnasiasten und Universitätsstudenten gab.
Schicksalhafte Begegnung
Im Erwachsenenalter lernte sie in Zürich den Psychoanalytiker Carl Gustav Jung kennen. Marie-Louise wusste damals nicht, dass dieses Treffen in eine 30-jährige Zusammenarbeit münden würde.

Beim Besuch von Jungs Vorträgen begann sich von Franz für die von ihm begründete Jungianische Psychologie zu interessieren. Diese beschäftigt sich mit den „Botschaften“ unserer Seele, die in schwierigen Zeiten erscheinen.
Laut Jung ist der jungianische Ansatz ein Prozess der beschleunigten Bewusstseinsreifung, der das Verständnis für unsere Emotionen und Handlungen erweitert, verlorene Gefühle zurückbringt, und neue Möglichkeiten eröffnet. Das Ziel ist die Individuation – ein besseres Verständnis der Faktoren, die beeinflussen, wie eine Person mit ihren psychologischen, interpersonellen und kulturellen Erfahrungen umgeht. Die jungianische Analyse hilft, die beste Version seiner selbst zu erreichen.
1934 begann Marie-Louise von Franz eine analytische Ausbildung unter Jungs Anleitung. Um den Unterricht zu finanzieren, übersetzte sie für Jung griechische und lateinische Werke sowie alchemistische Manuskripte, etwa des Theologen Thomas von Aquin. Dabei kommentierte sie auch deren Herkunft und psychologische Bedeutung.
Die Zusammenarbeit dauerte bis zu Jungs Tod 1961. Durch ihn lernte von Franz die Realität einer autonomen Psyche kennen, die unabhängig vom Bewusstsein existiert – das „objektive Unbewusste“ oder „kollektive Unbewusste“.
Psychologische Praxis und Forschung
Von 1942 bis zu ihrem Tod arbeitete Marie-Louise von Franz als Analytikerin. Sie verfasste über 20 Bücher zur Analytischen Psychologie, insbesondere über Märchen in der Archetypen- und Tiefenpsychologie. Bis 1987 analysierte sie mehr als 65.000 Träume.

Mit 41 Jahren erlaubte Jung ihr, ihren ersten Klienten anzunehmen – eine Frau am Rande eines Nervenzusammenbruchs. Zunächst versuchte von Franz, die Frau zu unterstützen, was jedoch erfolglos blieb. In ihrer Verzweiflung wandte sie sich an Jung, der ihr riet, die Klientin den Zusammenbruch durchleben zu lassen. Bald darauf genas die Frau vollständig.
Von Franz erkannte, dass der beste Weg, mit Klienten zu arbeiten, darin bestand, sich auf ihr eigenes Leben, innerlich und äußerlich, zu konzentrieren.
Alchemistische Manuskripte untersuchte sie aus jungianischer Perspektive. Unter anderem bearbeitete, übersetzte und kommentierte sie die Aurora Consurgens von Thomas von Aquin zur Problematik der Gegensätze in der Alchemie. Später kommentierte sie den arabischen alchemistischen Text Hal ar-Rumuz („Die Entschlüsselung der Symbole“) von Muhammad ibn Umail.
1969 hielt sie Vorträge über aktive Imagination und Alchemie. Sie verglich die aktive Imagination mit luzidem Träumen und beschrieb sie als Meditationsform, die den bewussten Kontakt mit dem Unbewussten ermöglicht.
Von Franz erforschte auch Synchronizität, Psyche und Materie sowie Zahlen – ein Interesse, das Jung durch seine Hypothese der Einheit von psychischen und materiellen Welten weckte. Da er sich aufgrund seines Alters diesem Thema nicht vollständig widmen konnte, übertrug er es ihr.
Sie untersuchte, wie das kollektive Unbewusste die Einseitigkeit des Christentums und das Bild des herrschenden Gottes durch Märchen und Alchemie kompensiert. Von Franz schrieb etwa über die Visionen der christlichen Märtyrerin Perpetua und die tiefe Bedeutung dieser Visionen für die spirituelle Situation der damaligen Zeit.
In ihrem Buch The Problem of the „Puer Aeternus“ („Das Problem des ewigen Jünglings“) beschreibt sie, wie immer mehr Menschen Verpflichtungen im Hier und Jetzt, sei es Arbeit oder Beziehung, ablehnen. Solche Menschen begeistern sich oft für Fliegen oder Klettern – Symbole, um dem Alltag zu entfliehen.
Lesbare Märcheninterpretationen
Von Franz’ Märchenbücher zeichnen sich durch ihre Lesbarkeit aus. Sie sind frei von theoretischen Formeln, und ihr direkter Stil in der englischen (nicht-muttersprachlichen) Sprache macht sie verständlich. Dies verdeutlicht, dass Märchen nicht nur Kindern gehören, sondern für Erwachsene im Alltag bedeutsam sind.

Das erste Buch – Problems of the Feminine in Fairytales – erschien 1972. In den folgenden Jahren wurden An Introduction to the Interpretation of Fairytales und Shadow and Evil in Fairytales veröffentlicht.
Privatleben
Von Franz war unverheiratet und kinderlos. Viele Jahre lebte sie mit ihrer Kollegin Barbara Hannah zusammen, die 23 Jahre älter war. Jung stellte sie einander vor, um ihr zu zeigen, „dass nicht alle Frauen wie ihre Mutter sind“ und dass Analytiker nicht allein leben sollten. Die beiden Frauen verband eine enge Freundschaft, die sie durchs Leben trug.
