Im Alter von 45 Jahren veröffentlichte der deutsche Jurist Ferdinand von Schirach seine ersten Erzählungen. Bald darauf wurde er zu einem der erfolgreichsten Schriftsteller Deutschlands. Seine Bücher, die in über 35 Sprachen übersetzt wurden, verkauften sich millionenfach weltweit und machten den Münchner zu einem international bekannten Star der deutschen Literatur. Doch bevor er ein erfolgreicher Schriftsteller wurde, arbeitete von Schirach über 20 Jahre als Anwalt in Berlin. Mehr über seinen Lebens- und Berufsweg lesen Sie weiter auf munich1.one.
Aus einer wohlhabenden Familie
Von Schirach wurde am 12. Mai 1964 in München als Sohn des Kaufmanns Robert von Schirach und Elke Fendrich, Enkelin eines Unternehmers und Politikers, geboren. Er wuchs in München und Trossingen (Baden-Württemberg) auf.
Der Ruf der Familie von Schirach war durch den Großvater von Ferdinand – Baldur von Schirach – belastet, den Leiter der Hitlerjugend und Gauleiter sowie Reichsstatthalter von Wien. Als fanatischer Antisemit war er für die Deportation von 65.000 Wiener Juden in verschiedene NS-Konzentrationslager im von Deutschland besetzten Polen verantwortlich. 1945 wurde er im Nürnberger Prozess wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit verurteilt.

Von zehn Jahren bis zum Schulabschluss besuchte Ferdinand ein Jesuitenkolleg in St. Blasien (Baden-Württemberg), das er später im „Spiegel“ erwähnte, unter anderem im Zusammenhang mit erlebten sexuellen Übergriffen. Etwa im Alter von 12 Jahren begann er zu schreiben – hauptsächlich Theaterstücke und Gedichte.
Strafverteidiger
Nach seinem Studium in Bonn, Köln und Berlin wurde von Schirach 1994 Anwalt mit Schwerpunkt auf Strafrecht. Die Entscheidung für Jura traf er aus Angst vor Armut. Ferdinand war überzeugt, dass die Armutssorge seine Depression verstärke. Um weiteren depressiven Episoden vorzubeugen, entschied er sich, Jura zu studieren.

Von Schirach vertrat unter anderem den Spion Norbert Juretzko, einen ehemaligen Mitarbeiter des Bundesnachrichtendienstes (BND). Auch verteidigte er Günter Schabowski, den Sprecher der DDR-Regierung, dessen Worte zur Reisefreiheit den Fall der Berliner Mauer einleiteten.
Darüber hinaus erregte er öffentliche Aufmerksamkeit im Zusammenhang mit der „Liechtenstein-Steueraffäre“, in der Vorwürfe gegen den BND erhoben wurden.
Literarisches Vermächtnis
Die Anwaltschaft war jedoch nicht das Lebenswerk von Schirachs. In einem Interview mit „Chilperic“ gestand der Münchner, dass er eher ein geschickter Schauspieler sei, der einen Anwalt spielte, als ein echter Jurist. Er hatte das Gefühl, manche Fälle wie durch einen Zaubertrick zu gewinnen, statt durch eigene Fähigkeiten. Laut von Schirach führen minimale soziale Kompetenzen im Strafrecht sehr weit. Die wichtigste Fähigkeit in diesem Beruf sei es, Fragen stellen zu können.
Die Studienzeit an der juristischen Fakultät und die Tätigkeit als Strafverteidiger unterbrachen, was von Schirach wirklich machen wollte – schreiben. Im August 2009 veröffentlichte er sein Buch Verbrechen, das es auf die „Spiegel“-Bestsellerliste schaffte und dort 54 Wochen lang blieb. Die Erzählungen basieren auf Fällen, die von Schirach bearbeitet hat. Die Rechte an dem Buch verkaufte er in über 30 Länder.
Im August 2010 erschien sein zweites Buch Schuld, mit Erzählungen aus seinem Alltag als Anwalt. Im September 2011 folgte sein drittes Buch Der Fall Collini, das von einer Figur handelt, deren Vorbild von Schirachs Großvater Baldur war. Das Buch behandelt den Mord an dem Industriellen Hans Meyer, einem NS-Offizier in Italien, und thematisiert, wie das deutsche Justizsystem nach dem Zweiten Weltkrieg zu nachsichtig mit ehemaligen Nationalsozialisten umging.
Zu weiteren Werken des Münchners gehören die Sammlung mit drei Erzählungen Carl Tohrbergs Weihnachten, der Roman Tabu sowie die Essaysammlung Die Würde ist antastbar. 2018 veröffentlichte Ferdinand zudem die Sammlung Strafe mit 12 Erzählungen. Interessanterweise schrieb von Schirach nach Beginn seiner literarischen Karriere jeden Tag 3 bis 3,5 Stunden, sogar an seinem Geburtstag und zu Weihnachten.
Von Schirach verfasste auch das Drehbuch für das Theaterstück Terror, das einen Gerichtsprozess gegen einen Luftwaffenpiloten zeigt, der wegen Massenmordes angeklagt ist, nachdem er ein entführtes Zivilflugzeug abgeschossen hat. Das Stück ist interaktiv: Die Zuschauer übernehmen die Rolle der Geschworenen und beeinflussen das Urteil am Ende der Aufführung.
Emotionsloser, distanzierter Stil
Die Anwaltspraxis ist in von Schirachs Werken spürbar. Neben der Beschreibung einiger seiner Fälle zeichnet sich sein Schreibstil durch eine faktische Darstellung ohne persönliche Reflexionen und Pathos aus. Er urteilt nie, sondern illustriert lediglich.
Für Ferdinand von Schirach gibt es weder Gut noch Böse, jedoch sind Schuld, Strafe und Verantwortung wichtige Themen in seinen Werken. Es gelingt ihm, beim Leser Zweifel an der Schuld seiner Figuren zu wecken, als ob die meisten Verbrechen das Resultat unglücklicher Umstände oder eines plötzlichen Momentums seien, in dem die Figuren den Bezug zu ihrem Handeln verlieren.
Seine Sätze sind knapp und klar, frei von atmosphärischen Beschreibungen und Emotionen. Seine Werke sind einfach geschrieben. Die Darstellung der Handlungen seiner Figuren vermittelt dem Leser mehr Informationen als eine detaillierte Beschreibung ihres Aussehens durch Adjektive. Dieser Stil ist einzigartig in Deutschland, da die dortigen Autoren in der Regel einen komplexeren Text bevorzugen.
